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Marlboro-Cowboy vergaloppiert sich immer mehr

Der Tabakkonzern Philip Morris International (PMI) biedert sich schon lange bei den Anti-Rauchern an. Mittlerweile setzt er darauf, dass seine neuen IQOS-Verdampfer mit den „Heet“-Sticks von der zunehmenden Bekämpfung klassischer Tabakwaren profitieren. Netzwerk Rauchen sagt: Nicht kaufen!

Zigarettenkonzern Philip Morris (mit nur einem „l“) und das Netzwerk Rauchen wäre auf einen solchen Titel auch keineswegs gekommen. Denn wir hegen gegenüber dem Unternehmen ganz andere Gefühle, schließlich haben wir schon 2007 zu einem Boykott von Philip-Morris-Produkten aufgerufen. Zwischenzeitliche und erst recht aktuelle Entwicklungen geben uns mehr als Recht.

Philip Morris International (PMI), seit 2008 der außeramerikanische Zweig des Multis, hat vor wenigen Monaten auch in Deutschland eine Kampagne gestartet, die sich „UNsmoke“ nennt. Hinter dieser im besten Orwellschen Neusprech gehaltenen Parole steht die Botschaft, man solle auf keinen Fall rauchen – und wenn es dann doch unbedingt sein muss, auf das PMI-Produkt IQOS mit seinen „Heets“ umsteigen, einen Tabakerhitzer.

In der Schweiz erklärt der dortige PM-Chef: „Raucherinnen und Raucher haben keinen Grund mehr, sich für Zigaretten zu entscheiden.“ Seit Jahren bekennt man sich zu einer „rauchfreien Zukunft“, wie auch der Deutschland-Boss sagt.

Solche Antiraucher-Sprüche mögen aus dem Munde eines Konzerns, der in vielen Ländern seit langem die Marktführerschaft bei Industriezigaretten innehat, verwundern. Auch in Deutschland dominiert der Produzent von Marken wie Marlboro, L&M, Chesterfield oder F6 als größter Anbieter. Und jetzt bedankt er sich für den Kundenzuspruch damit, dass er den Leuten vorschreiben will, seine Paradeprodukte gefälligst nicht mehr zu konsumieren?  

Doch wer die Wende kennt, die der Markgigant vor etwa 20 Jahren vollzogen hat, wundert sich über gar nichts mehr. Damals kam man in der US-Konzernzentrale offenbar zu dem Schluss, lieber mit den Anti-Tabak-Wölfen heulen zu wollen, um seine Geschäfte zu sichern. Statt wie vorher gelegentlich aggressiv gegen die Tabakbekämpfung Stellung zu beziehen, entschied man sich, nach dem Motto „If you can’t beat them, join them“ dem Gesundheitspuritanismus Tribut zu zollen. Kein kritisches Wort mehr zur wissenschaftlich widerlegbaren Passivrauch-Hetze, keinerlei Infragestellen der Raucherdiskriminierung mehr. 2007 schied man daher aus dem deutschen Industrieverband VdC (Verband der Cigarettenindustrie) aus, was dessen Ende besiegelte, und trat der Neugründung DZV (Deutscher Zigarettenverband) nicht bei, sondern kocht seither sein eigenes Süppchen. Zwischenzeitlich gründete das Unternehmen sogar eine eigene Antiraucher-Stiftung.

Denn wenn man schon der Tabakbekämpfung nicht mehr die Stirn bieten will, sondern sich bei ihr einschleimen, so kann man doch wenigstens der Konkurrenz ein bisschen schaden. PM verdankt dem Autor Christopher Snowdon zufolge seine marktbeherrschende Stellung in den USA den ersten Werbeverboten vor 50 Jahren, da diese bekanntlich den großen Marken (in dem Fall Marlboro) helfen. Vorher war die Spitzenposition bei den Marken noch heiß umkämpft. So befürwortet PM gerne staatliche Regulierung, die den Konkurrenten mehr schadet als ihm selbst, z.B. bei Werbeverboten oder der höheren Besteuerung von Dreh- und Stopftabak, der nicht zu ihrem Kerngeschäft gehört.

2009 erkämpfte PM in den USA sogar Seite an Seite mit übelst hetzerischen Antiraucherlobbys den „Family Smoking Prevention and Tobacco Control Act“, den Kritiker „Marlboro-Schutz-“ bzw. -Monopol-Gesetz“ getauft haben, weil er – wie von PM schon lange gefordert – der US-Lebensmittel- und Arzneibehörde FDA die Regulierungsmacht über Tabakprodukte verschafft hat. So werden höhere Hürden für Konkurrenzprodukte aufgebaut, während sich der Konzern Nutzen für seine Neuentwicklungen ausrechnet.

Und damit sind wir wieder bei IQOS bzw. den Heets. In Tabakwarengeschäften stößt man seit geraumer Zeit auf aggressive Reklame für diese Tabakerhitzer, in Form von Schildern, Aufstellern u.ä. oder gar durch persönlich anwesende Werber. Auf der Zeil in Frankfurt/Main hat man die nach eigenen Angaben größte „IQOS-Boutique“ der Welt auf zwei Stockwerken eröffnet, es soll in Deutschland 50 weitere Werbetempel von der Sorte geben. Der Heets-Tabak wird als Pfeifentabak versteuert, also deutlich günstiger als Zigaretten. Was dem Verbraucher in der Geldbörse nicht auffällt… So verspricht man sich den großen Reibach. Und sammelt zudem fleißig Kundendaten. Gleichzeitig will PMI Deutschland zum Jahresende fast 1000 Mitarbeiter an seinem Berliner Produktionsstandort entlassen, was zu Protesten geführt hat.

Passen die nicht mehr in die „rauchfreie Zukunft“? Nun, die Produktion wird verlagert. Der Konzern mit einem Börsenwert von rund 120 Milliarden Dollar macht seinen Nettoumsatz von ca. 30 Milliarden Dollar (davon über 9 Milliarden in der EU) nach wie hauptsächlich mit Zigaretten. Seit Jahren steigt die Dividende der Aktionäre. Daran kann man übrigens erkennen, dass die Tabakbekämpfung globalen Großkonzernen weit weniger schadet als den Tabakgenießern und den Schwächeren in der Wertschöpfungskette.

Und das erklärt, warum PMI so tut, als wollten sie nicht, dass wir ihre Zigaretten erwerben – aber trotzdem nicht aufhören, sie herzustellen. Verkauft doch eure Marken, allen voran Marlboro, für ein Schweinegeld an die Konkurrenz und setzt alles auf eure Heets! Ach nein, doch nicht… verdammte Heuchler in alter Tradition des amerikanischen Puritanismus.

Stattdessen will man die Heets als das vermeintlich ‚bessere‘ Produkt etablieren, um sich so dem Anti-Rauch-Feldzug anzubiedern. So kann man Restriktionen gegenüber Rauchtabak bejubeln oder sie sogar fordern, solange die Erhitzer außen vor bleiben. PMI-Vorstandsmitglied Jacek Olzak etwa bittet darum, den „positiven Wandel“ – von klassischen Tabakwaren zu ihrem IQOS ­– „durch fortschrittliche, regulatorische Maßnahmen zu beschleunigen.“ Fortschrittlich ist an Tabakprohibition gar nichts, aber das Wort „progressive“ in der Konzernsprache Englisch bedeutet auch „voranschreitend“ – wie eine sich verschlimmernde Erkrankung, hier die Lifestyle-Diskriminierung und staatliche Gängelung, die in der Tat zunehmend voranschreiten.

Olzak bemüht als Analogie ausgerechnet Energiesparlampen und das EU-Verbot von Glühbirnen: „Ist die Technologie da und das neue Produkt kann das vorherige perfekt ersetzen, setzt der Wandel unweigerlich ein.“ Der Manager mit Millioneneinkünften scheint nicht die hellste Leuchte zu sein. Energiesparlampen haben Glühbirnen in ihrer Funktion, ihrer Produktsicherheit und ihrem Preis-Leistungs-Verhältnis nie adäquat ersetzen können. Deren Ablösung kam auch nicht „unweigerlich“, sondern durch den Brüsseler Bannhammer. Vielleicht sollte PMI IQOS-Heets als „Energiesparlampe unter den Tabakprodukten“ bewerben, dann ginge mehr Kunden ein Licht auf.

Dieses Produkt wurde in den USA von der oben genannten FDA genehmigt – damit hatte sich das jahrelange Lobbying gelohnt. Die FDA plant derzeit, Nikotingrenzwerte in Tabakwaren zu senken. Damit kann PMI für die Heets erstmal ganz gut leben, enthalten die Sticks doch je 0,5 Milligramm Nikotin und damit die Hälfte des EU-Grenzwerts. Man bereitet sich also gezielt vor. Bei ihren Zigaretten bekäme PMI aber Probleme: Die meisten ihrer Marken enthalten mehr Nikotin und der Versuch einer kleinen Absenkung scheint hierzulande gescheitert. Wie man nämlich feststellt, wenn man die Werteangaben vergleicht, die Netzwerk Rauchen jährlich im Internet präsentiert: Zum Stichtag 2017 kamen die roten Marlboros, L&Ms und Chesterfields auf nur 0,7 mg Nikotin, 0,1 mg weniger als im Vorjahr. Bei den blauen Chesterfields sank der Wert von 0,6 auf 0,5 mg. Im Folgejahr 2018 wurden diese Änderungen offenbar rückgängig gemacht. Vielleicht sollte den Managern dämmern, dass sie sich mit ihrem Ansatz letztlich doch den Ast absägen, auf dem sie sitzen.

Oder sie setzen weiterhin darauf, dass ihre Unterstützung des Gesundheitswahns in eine Regulierungslage mündet, wo Produkte wie IQOS als Raucher-„Methadon“ ersatzweise verabreicht werden, weil man klassische Tabakprodukte verboten hat. Für das Netzwerk Rauchen ein Grund, unseren Boykottaufruf an politische bewusste Verbraucher zu erneuern:

Stoppen Sie diese Machenschaften, kaufen Sie deren Produkte nicht! (Marken finden Sie hier und hier in der Suche) – und stellen Sie PMI und Altria als Aktionär kein Kapital zur Verfügung!

(Zur Klarheit: Wir wollen keineswegs die Konkurrenten von PMI anpreisen. Auch andere Tabakkonzernen biedern sich leider bei der Tabakbekämpfung an und verhalten sich oftmals verbraucherunfreundlich, nur eben nicht so extrem wie bei Philip Morris.)

500 Jahre Tabak in Europa

Raucher als Fackelträger der Moderne

500 Jahre Tabak in Europa – warum jetzt das Jubiläum? Schon 1994 haben Austria Tabak und VdC in Wien das halbe Jahrtausend feierlich begangen – der Hauptredner kam aus Deutschland, ein gewisser Helmut Schmidt. Der zu damals aktuellen Plänen der EU sagte: „Ganz egal, was man von Tabakwerbung hält oder nicht, das geht Brüssel nichts an.“ Den vor 25 Jahren schon virulenten Regulierungswahn, auch auf anderen Gebieten, bezeichnete er als „eine schreckliche Entartung, die in Wirklichkeit natürlich auch zum Volkszorn beitragen muss“. Hätte man mal auf ihn gehört. „Selbst mein geliebter Schnupftabak wird demnächst einheitlich geregelt aus Brüssel“, beklagte der Altkanzler, dem durch sein frühes Dahinscheiden im Alter von nicht mal ganz 97 immerhin erspart blieb, das EU-weite Verbot seiner noch geliebteren Mentholzigaretten im kommenden Jahr erleben zu müssen.

Aber zurück zum Jubiläum. Welcher westliche Seefahrer den Tabak entdeckt hat, darüber gehen die Meinungen auseinander. Kolumbus, Luis de Torres, Amerigo Vespucci werden genannt – und Magellan, der 1519 eine Weltumseglung startete. In diesem Jahr, heißt es, kamen erstmals Tabakblätter nach Europa – und sind seither nicht mehr wegzudenken. Daher das Jubiläum. Ebenfalls im Jahre 1519 wurde Katharina von Medici geboren, die später als französische Königin zur begeisterten Tabakschnupferin wurde. Das weist auf zweierlei hin:

Zum einen: Die Geschichte der Verbreitung des Tabaks ist auch eine Geschichte unterschiedlicher Konsumformen: Mit Pfeifen altamerikanischer Prägung hat es begonnen, später entstanden Schnupftabak, Kautabak, Zigarren, Zigaretten und mehr. Was nach dem 1913 formulierten sogenannten Rieplschen Gesetz für Medien gilt, nämlich dass durch neue Methoden und Übermittlungsformen die alten „niemals wieder gänzlich und dauernd verdrängt […]  werden können“, betrifft die Formen des Tabakgenusses analog. Keine ist ausgestorben. Es werden immer neue Holzpfeifen designt, die Wasserpfeife hat in unserer Weltgegend im letzten Jahrzehnt massiv an Boden gewonnen, die gute Zigarre hat keineswegs ausgedient, die Zigarette dominiert weiterhin, wobei neben dem fertigen Industrieprodukt selbstverständlich auch Feinschnitt und Volumentabake Bedeutung haben. Helmut Schmidts Schnupftabak wird weiterhin produziert, im Bereich des Oraltabaks käme dem schwedischen Snus eine viel größere Rolle zu, wenn er denn endlich anderswo in der EU legal wäre.

Zum anderen erinnert uns Caterina de‘ Medici an eine andere Frage: Wer raucht eigentlich? Abgesehen davon, dass die Monarchin eine frühe Vorreiterin der Frauenemanzipation auf dem Gebiet des Genusses war: Der Tabak hat sich in Europa in den vergangenen 500 Jahren mal eher von ‚oben‘, mal von ‚unten‘ verbreitet. Durch Seeleute anfangs, später immer wieder durch Soldaten, die in Kriegen quer über den Kontinent zogen, oder durch Arbeiter. Aber es waren auch die ‚höchsten‘ Kreise, die stilbildend wirkten. Damals die höfischen Sitten – in vielen königlichen Familien wird der Tabak nach wie vor nicht verschmäht – oder in Person von Prominenten wie Künstlern. Genauso wie bei den Konsumformen wechselten auch dabei die Konjunkturen – und derzeit will sich in der westlichen Welt ein breites Mittelmaß durch Nichtrauchen oder ‚Tabakscham‘ nach unten abgrenzen.

Der langsame Siegeszug des Tabaks während eines halben Jahrtausends spiegelt den europäischen Fortschritt wieder, die Aufklärung in Denken und Politik, wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand, Erfindungen, Technik und Kultur. Ohne die Köpfe und die Hände der Tabakgenießer stünden wir heute viel schlechter da. Exemplarisch seien Schillers Schnupftabak, Einsteins Pfeife und Erhards Zigarre genannt. Wie viele Ideen der letzten 500 Jahre wurden wohl geschmiedet, wie viele Rebellionen geplant und wie viele Beziehungen geknüpft, während man beim Tabak(rauchen) zusammensaß?

Tabak, um einen anderen Aspekt anzusprechen, galt früh als Heilmittel – und ist es übrigens heute indirekt wieder, wenn ‚medizinisches‘ Marihuana damit gestreckt wird. Aber er galt eben auch als Bedrohung und Verkörperung des Bösen, als „Teufelskraut“, als Versuchung und Laster. Die Geschichte des Tabaks ist auch die Geschichte seiner Verfolgung. Sir Walter Raleigh, der zur Popularität des Tabaks in England maßgeblich beigetragen hatten, wurde vor gut 400 Jahren auf Geheiß von König Jakob I. im Londoner Tower eingekerkert, einem Monarchen, der schon 1604 das erste bedeutsame Antiraucherpamphlet verfasst hatte („A counterblaste to tobacco“). Es gab immer wieder Länder, in denen Raucher diskriminiert wurden; und da reden wir nicht nur von der Steuerlast, sondern auch von Rauchverboten aller Art (totale galten z.B. Mitte des 17. Jahrhunderts in vielen Teilen Deutschlands) und harten Strafen wie Tötungen und herausgeschnittenen Zungen. In Russland oder dem Osmanischen Reich galt zeitweise derlei. Anfangs hatten Raucher mit der Spanischen Inquisition zu kämpfen, heute spielt – wie vor 100 Jahren – der anglopuritanische Prohibitionismus eine große Rolle. Die Nazis waren Tabakbekämpfer, in jüngster Zeit der IS. Nach all diesen Erfahrungen müsste die Losung lauten: Nie wieder Krieg gegen den Tabak! Nie wieder Gesundheitsfaschismus!

Doch davon sind wir weit entfernt. Heutzutage, wir wissen davon leider ein Lied zu singen, agiert die Tabakbekämpfung globaler, vernetzter und geschickter denn je. So wie der Tabakgenuss am Anfang der europäischen Moderne stand, steht der Versuch seiner Ausrottung heute möglicherweise für eine neue Zeitenschwelle. Mich beschleicht immer mehr der Eindruck, dass wir in die Postmoderne abgleiten, so wie früher die Antike im Mittelalter versunken ist. Vielleicht markiert das Jahr 2000 ebenso wie das Jahr 500 oder das Jahr 1500 als grober Zeitpunkt eine epochale Wende. Wenn die Moderne ausgehen und verlöschen soll wie eine „feuersichere Zigarette“, dann ist klar, dass die Raucher als symbolische Fackelträger dieses goldenen Zeitalters ebenso verschwinden müssen. Im postmodernen Irrenhaus sind keine Raucherzimmer vorgesehen.

Christoph Lövenich

Dieser Text basiert auf einem Vortrag, den der Autor am 12. Oktober 2019 auf der Bundesmitgliederversammlung des Netzwerk Rauchen gehalten hat.

Tabak aus Deutschland

Beim Tabakanbau denken wir an Virginia, Kuba, Malawi oder den Orient. Aber auch in Deutschland entsteht auf Feldern noch ‚Braunes Gold‘.  Die SWR-Doku „Auf der Kippe? Die letzten Tabakbauern der Südpfalz“ aus dem vergangenen Jahr, die kürzlich wiederholt wurde, ist noch bis kommenden November in der Mediathek abrufbar.

„In de Palz geht de Parre mit de Peif in die Kärch“ heißt es im regionalen Jargon. Vier Jahrhunderte reicht die dortige Tabakpflanz-Tradition zurück. Um 1900 waren noch ganze 50.000 Tabakbauern aktiv, ein Jahrhundert später nur noch 300. Dann kam die Abschaffung der Tabaksubventionen durch die notorisch genuss- und raucherfeindliche EU. Das zeigt, wie Subventionspolitik den Markt verzerrt: Unliebsames, das bei den Herrschenden in Ungnade fällt, wird abgestraft. Trotz massiven Bauernprotests in Brüssel vor zehn Jahren endete 2010 die finanzielle Unterstützung. 35 südpfälzische Tabakbauern haben sich halten können, auch dank des wachsenden Bedarfs an Wasserpfeifentabak. Allerdings ist der unsubventionierte Markt noch lange kein freier Markt, denn immer engmaschigere Regulierung soll den Rauchgenuss vergällen, und auch die Tabakpflanzer bekommen das zu spüren: Biotabak und „nachhaltiger Tabak“ dürfen nicht als solcher beworben werden, dem stehen EU-Vorschriften über Produktbeschreibungen und Werbeaussagen entgegen. Von „Bio“ mag man halten, was man will, aber diese Information den Verbrauchern vorzuenthalten, bedeutet ein Wahrheitsverbot und ist konsumentenfeindlich.

Werden die Pflanzer (nicht nur in der Pfalz) durchhalten und Raucher in Deutschland weiter hiesigen Tabak genießen können? Netzwerk Rauchen drückt die Daumen.

Zukunft der Tabaksteuer

Mitmachen bei EU-Befragung

Bei Gesetzgebungsverfahren werden oft diverse Lobbygruppen und Betroffene angehört, schriftlich oder mündlich, von der Regierung und/oder vom Parlament. Auf EU-Ebene gibt es ebenfalls solche „Konsultationen“, auch bei der Tabakbekämpfungspolitik. Aktuell kann man, ob Unternehmen, Interessenverband oder Einzelperson, zu geplanten Änderungen bei der Tabakbesteuerung Stellung nehmen. Sogar auf Deutsch, das war in der Vergangenheit nicht immer so. Noch bis zum 3. September.

Denn die deutsche Tabaksteuer wird nicht nur in Berlin gemacht, sondern es existiert ein EU-Rahmen zur Höhe und Gestaltung. Netzwerk Rauchen möchte die Tabaksteuer ganz abschaffen, für uns „gehören Tabakwaren wie jedes andere Produkt behandelt“.

Davon will natürlich bei der EU-Kommission niemand etwas hören, denen und den diversen staats- und pharmakonzernfinanzierten Lobbyisten der Antiraucher in Brüssel geht es darum, wie Tabakgenießer noch weiter gegängelt werden können. Auch das Dampfen ist Gegenstand der Befragung.

Dennoch hat sich Netzwerk Rauchen nicht nehmen lassen – wie schon seit über einem Jahrzehnt immer wieder –, den Brüsseler Bürokraten unsere Meinung zum Thema zu geigen. Gegen hohe Tabaksteuern, gegen weitere Verschlimmerungen – und dafür, dass sich die EU aus diesem Thema raushält. Alle Stellungnahmen sollen später bei der EU-Kommission online nachzulesen sein. Mehr sollte man sich davon zwar nicht versprechen, aber Resignation bringt nichts. Das Mindeste, was Sie tun können, ist ebenfalls an der Konsultation teilzunehmen, online, wie gesagt bis zum 3. September.

Geprüft und für zu leicht befunden

Der Raucher als Verbraucher hat’s nicht leicht. Zu den ganzen staatlichen Schikanen durch turmhohe Tabak-Sündensteuern, Ekelbilder und anderen TPD2-Unfug kommen auch noch Tricks der Produzenten. Kunden des losen Tabaks sind schon negativ davon betroffen, dass sich die Nikotin- und Teerwerte ihrer Marken schlechter ermitteln lassen als bei Fertigzigaretten – nicht durch das seit 2016 geltende EU-Verbot, die Werte auf den Packungen abzudrucken, sondern auch durch die intransparente Informationspolitik der meisten Herstellerfirmen.

Zusätzlich haben sie mit der Mengenfrage zu kämpfen; so gibt es von vielen Marken kaum kleine Packungen von z.B. 30 Gramm zum Probieren, um nicht gleich Großpackungen erwerben zu müssen. Anders als bei Nahrungsmitteln findet auch keine Auspreisung von Preis pro (soundso viel) Gramm statt. Was wiederum auch für Industriezigaretten zutrifft, genau wie der Umstand, dass manchmal der Preis bleibt und die Menge sinkt. Dass sich in der Schachtel bei gleichem Preis eine Zigarette weniger findet, ist für Raucher keine neue Erfahrung, das sind „versteckte“ Preiserhöhungen, wie sie vor allem der Tabaksteuerirrsinn erzwingt. Gleiches gilt für losen Tabak, dort allerdings ist uns jüngst ein etwas dreister Fall aufgefallen.

Ein West-Tabakbeutel von Reemtsma/Imperial Tobacco hat sich im Preis nicht verändert, aber die Gramm-Angabe ist urplötzlich von der Vorderseite verschwunden (siehe rechts). Die vorher (siehe links) kleiner gedruckte Vorhersage der Stückzahl Zigaretten, die sich daraus stopfen lässt, hilft wenig, hat sie nämlich bei vielen Marken (verschiedener Hersteller) mit der realen Stückzahl kaum etwas zu tun.

In Rauch aufgelöst hat sich die Gramm-Angabe allerdings nicht, sie wurde nur verschämt auf der Rückseite versteckt. Denn: Sie ist geschrumpft (siehe rechts oben). Sowohl in der Menge als auch in der Schriftgröße. Und zwar von 200 auf 170 Gramm, also um stolze 15 Prozent.

Mogelpackung? Augen auf beim Beutelkauf! Angesichts solcher Änderungen bzw. faktischer Preiserhöhungen empfiehlt es sich, im Laden genau hinzuschauen. Hauptfeind des Rauchers ist zwar die Obrigkeit, aber die Tabakunternehmen sind nicht unbedingt unser Freund. Das gilt politisch gesehen, aber auch in Sachen Verkaufstricks.

Kein Platz für giftige Botschaften

„Kein Platz für giftige Botschaften!“ lautet das offizielle Motto des diesjährigen sogenannten Weltnichtrauchertags am 31. Mai – und sogar Netzwerk Rauchen findet es gut. Damit kein Missverständnis aufkommt: Die führende Bundesvereinigung für freien Tabakgenuss meint damit die gegen das Rauchen gerichteten Botschaften, wie sie zum Beispiel auf Zigarettenpackungen verbreitet werden. Das Netzwerk kritisiert die Horror-Warnungen vor allen möglichen Krankheiten als „einseitige Negativ-Propaganda“, die durch emotionale Manipulation Besorgnis und Angst hervorrufen solle. Nach dessen Ansicht können sie durch den sogenannten Nocobo-Effekt sogar Krankheiten auslösen.
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