Archiv der Kategorie: Tabakhistorie

500 Jahre Tabak in Europa

Raucher als Fackelträger der Moderne

500 Jahre Tabak in Europa – warum jetzt das Jubiläum? Schon 1994 haben Austria Tabak und VdC in Wien das halbe Jahrtausend feierlich begangen – der Hauptredner kam aus Deutschland, ein gewisser Helmut Schmidt. Der zu damals aktuellen Plänen der EU sagte: „Ganz egal, was man von Tabakwerbung hält oder nicht, das geht Brüssel nichts an.“ Den vor 25 Jahren schon virulenten Regulierungswahn, auch auf anderen Gebieten, bezeichnete er als „eine schreckliche Entartung, die in Wirklichkeit natürlich auch zum Volkszorn beitragen muss“. Hätte man mal auf ihn gehört. „Selbst mein geliebter Schnupftabak wird demnächst einheitlich geregelt aus Brüssel“, beklagte der Altkanzler, dem durch sein frühes Dahinscheiden im Alter von nicht mal ganz 97 immerhin erspart blieb, das EU-weite Verbot seiner noch geliebteren Mentholzigaretten im kommenden Jahr erleben zu müssen.

Aber zurück zum Jubiläum. Welcher westliche Seefahrer den Tabak entdeckt hat, darüber gehen die Meinungen auseinander. Kolumbus, Luis de Torres, Amerigo Vespucci werden genannt – und Magellan, der 1519 eine Weltumseglung startete. In diesem Jahr, heißt es, kamen erstmals Tabakblätter nach Europa – und sind seither nicht mehr wegzudenken. Daher das Jubiläum. Ebenfalls im Jahre 1519 wurde Katharina von Medici geboren, die später als französische Königin zur begeisterten Tabakschnupferin wurde. Das weist auf zweierlei hin:

Zum einen: Die Geschichte der Verbreitung des Tabaks ist auch eine Geschichte unterschiedlicher Konsumformen: Mit Pfeifen altamerikanischer Prägung hat es begonnen, später entstanden Schnupftabak, Kautabak, Zigarren, Zigaretten und mehr. Was nach dem 1913 formulierten sogenannten Rieplschen Gesetz für Medien gilt, nämlich dass durch neue Methoden und Übermittlungsformen die alten „niemals wieder gänzlich und dauernd verdrängt […]  werden können“, betrifft die Formen des Tabakgenusses analog. Keine ist ausgestorben. Es werden immer neue Holzpfeifen designt, die Wasserpfeife hat in unserer Weltgegend im letzten Jahrzehnt massiv an Boden gewonnen, die gute Zigarre hat keineswegs ausgedient, die Zigarette dominiert weiterhin, wobei neben dem fertigen Industrieprodukt selbstverständlich auch Feinschnitt und Volumentabake Bedeutung haben. Helmut Schmidts Schnupftabak wird weiterhin produziert, im Bereich des Oraltabaks käme dem schwedischen Snus eine viel größere Rolle zu, wenn er denn endlich anderswo in der EU legal wäre.

Zum anderen erinnert uns Caterina de‘ Medici an eine andere Frage: Wer raucht eigentlich? Abgesehen davon, dass die Monarchin eine frühe Vorreiterin der Frauenemanzipation auf dem Gebiet des Genusses war: Der Tabak hat sich in Europa in den vergangenen 500 Jahren mal eher von ‚oben‘, mal von ‚unten‘ verbreitet. Durch Seeleute anfangs, später immer wieder durch Soldaten, die in Kriegen quer über den Kontinent zogen, oder durch Arbeiter. Aber es waren auch die ‚höchsten‘ Kreise, die stilbildend wirkten. Damals die höfischen Sitten – in vielen königlichen Familien wird der Tabak nach wie vor nicht verschmäht – oder in Person von Prominenten wie Künstlern. Genauso wie bei den Konsumformen wechselten auch dabei die Konjunkturen – und derzeit will sich in der westlichen Welt ein breites Mittelmaß durch Nichtrauchen oder ‚Tabakscham‘ nach unten abgrenzen.

Der langsame Siegeszug des Tabaks während eines halben Jahrtausends spiegelt den europäischen Fortschritt wieder, die Aufklärung in Denken und Politik, wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand, Erfindungen, Technik und Kultur. Ohne die Köpfe und die Hände der Tabakgenießer stünden wir heute viel schlechter da. Exemplarisch seien Schillers Schnupftabak, Einsteins Pfeife und Erhards Zigarre genannt. Wie viele Ideen der letzten 500 Jahre wurden wohl geschmiedet, wie viele Rebellionen geplant und wie viele Beziehungen geknüpft, während man beim Tabak(rauchen) zusammensaß?

Tabak, um einen anderen Aspekt anzusprechen, galt früh als Heilmittel – und ist es übrigens heute indirekt wieder, wenn ‚medizinisches‘ Marihuana damit gestreckt wird. Aber er galt eben auch als Bedrohung und Verkörperung des Bösen, als „Teufelskraut“, als Versuchung und Laster. Die Geschichte des Tabaks ist auch die Geschichte seiner Verfolgung. Sir Walter Raleigh, der zur Popularität des Tabaks in England maßgeblich beigetragen hatten, wurde vor gut 400 Jahren auf Geheiß von König Jakob I. im Londoner Tower eingekerkert, einem Monarchen, der schon 1604 das erste bedeutsame Antiraucherpamphlet verfasst hatte („A counterblaste to tobacco“). Es gab immer wieder Länder, in denen Raucher diskriminiert wurden; und da reden wir nicht nur von der Steuerlast, sondern auch von Rauchverboten aller Art (totale galten z.B. Mitte des 17. Jahrhunderts in vielen Teilen Deutschlands) und harten Strafen wie Tötungen und herausgeschnittenen Zungen. In Russland oder dem Osmanischen Reich galt zeitweise derlei. Anfangs hatten Raucher mit der Spanischen Inquisition zu kämpfen, heute spielt – wie vor 100 Jahren – der anglopuritanische Prohibitionismus eine große Rolle. Die Nazis waren Tabakbekämpfer, in jüngster Zeit der IS. Nach all diesen Erfahrungen müsste die Losung lauten: Nie wieder Krieg gegen den Tabak! Nie wieder Gesundheitsfaschismus!

Doch davon sind wir weit entfernt. Heutzutage, wir wissen davon leider ein Lied zu singen, agiert die Tabakbekämpfung globaler, vernetzter und geschickter denn je. So wie der Tabakgenuss am Anfang der europäischen Moderne stand, steht der Versuch seiner Ausrottung heute möglicherweise für eine neue Zeitenschwelle. Mich beschleicht immer mehr der Eindruck, dass wir in die Postmoderne abgleiten, so wie früher die Antike im Mittelalter versunken ist. Vielleicht markiert das Jahr 2000 ebenso wie das Jahr 500 oder das Jahr 1500 als grober Zeitpunkt eine epochale Wende. Wenn die Moderne ausgehen und verlöschen soll wie eine „feuersichere Zigarette“, dann ist klar, dass die Raucher als symbolische Fackelträger dieses goldenen Zeitalters ebenso verschwinden müssen. Im postmodernen Irrenhaus sind keine Raucherzimmer vorgesehen.

Christoph Lövenich

Dieser Text basiert auf einem Vortrag, den der Autor am 12. Oktober 2019 auf der Bundesmitgliederversammlung des Netzwerk Rauchen gehalten hat.

Tabak aus Deutschland

Beim Tabakanbau denken wir an Virginia, Kuba, Malawi oder den Orient. Aber auch in Deutschland entsteht auf Feldern noch ‚Braunes Gold‘.  Die SWR-Doku „Auf der Kippe? Die letzten Tabakbauern der Südpfalz“ aus dem vergangenen Jahr, die kürzlich wiederholt wurde, ist noch bis kommenden November in der Mediathek abrufbar.

„In de Palz geht de Parre mit de Peif in die Kärch“ heißt es im regionalen Jargon. Vier Jahrhunderte reicht die dortige Tabakpflanz-Tradition zurück. Um 1900 waren noch ganze 50.000 Tabakbauern aktiv, ein Jahrhundert später nur noch 300. Dann kam die Abschaffung der Tabaksubventionen durch die notorisch genuss- und raucherfeindliche EU. Das zeigt, wie Subventionspolitik den Markt verzerrt: Unliebsames, das bei den Herrschenden in Ungnade fällt, wird abgestraft. Trotz massiven Bauernprotests in Brüssel vor zehn Jahren endete 2010 die finanzielle Unterstützung. 35 südpfälzische Tabakbauern haben sich halten können, auch dank des wachsenden Bedarfs an Wasserpfeifentabak. Allerdings ist der unsubventionierte Markt noch lange kein freier Markt, denn immer engmaschigere Regulierung soll den Rauchgenuss vergällen, und auch die Tabakpflanzer bekommen das zu spüren: Biotabak und „nachhaltiger Tabak“ dürfen nicht als solcher beworben werden, dem stehen EU-Vorschriften über Produktbeschreibungen und Werbeaussagen entgegen. Von „Bio“ mag man halten, was man will, aber diese Information den Verbrauchern vorzuenthalten, bedeutet ein Wahrheitsverbot und ist konsumentenfeindlich.

Werden die Pflanzer (nicht nur in der Pfalz) durchhalten und Raucher in Deutschland weiter hiesigen Tabak genießen können? Netzwerk Rauchen drückt die Daumen.

EU vernichtet Kautabakherstellung in Deutschland

Die letzte Kautabakfabrik in Deutschland musste im Dezember letzten Jahres schließen. Das Unternehmen Grimm & Triepel, 1849 gegründet, wurde verkauft. Die Produktionsstätte in Witzenhausen-Unterrieden (Hessen) hat die novellierte Tabakproduktrichtlinie der EU (TPD 2) nicht überlebt.

Grimm & Triepel hatte als einziges Unternehmen in der BRD nicht nur die rückläufigen Verkaufszahlen beim Kautabak überstanden, sondern auch die durch die Enteignung der Unternehmerfamilie seitens der SED-Regimes aufgebaute, staatliche Kautabakproduktion in der DDR, welche nach der Wiedervereinigung beendet wurde.

Was unter den Ost-Berliner Stalinisten noch möglich war, geht unter Brüsseler Herrschaft nicht mehr. Die EU-Vorgaben zu den Inhaltsstoffen von Tabakwaren hätte das Unternehmen nur durch die Einstellung eines eigenen Lebensmittelchemikers einhalten können. Das allerdings wäre bei einem Personalbestand von zuletzt nur drei Mitarbeitern gänzlich unwirtschaftlich gewesen.

Dies zeigt deutlich, dass neben weiteren Kritikpunkten an der TPD 2 auch ihre Feindlichkeit gegenüber kleineren Unternehmen an den Pranger gestellt gehört. Big Government (hier die EU) gestaltet Regulierung generell so, dass Big Business (die Konzerne) damit besser zurechtkommen als mittlere und kleinere Firmen. Das erkennt man auch bei den Werbeverboten: Für große Hersteller ist es kein Problem, die verbleibenden Möglichkeiten wie Kino- und Plakatreklame zu nutzen, ein Unternehmen wie Grimm & Triepel bräuchte eigentlich speziellere Medienkanäle, die ihm aber gesetzlich verbaut sind.

Immerhin wird die Witzenhausener Manufaktur als Museum weiterleben und an bessere Zeiten erinnern. Das heutige Nischenprodukt Kautabak geht auf amerikanische Ureinwohner zurück und hat in den USA u.a. als Vorläufer des Kaugummikauens Bedeutung erlangt.

Diese Umfrage wurde am 04.  April 2017 beendet. Vielen Dank für ihr Interesse!

Rauchen wie im Krieg

Einen Weltkrieg gegen den Tabak gab es vor 75 Jahren noch nicht, aber dafür einen anderen großen Waffengang, an dem maßgeblich und ursächlich ein Tabakbekämpfer (mit österreichischem Migrationshintergrund) und sein ebensolches Regime beteiligt waren. Ohne den 2. Weltkrieg bzw. nach einem Endsieg hätte sich die Nazi-Politik gegen die Raucher noch weiter verschärft als ohnehin schon. Maßnahmen, die wir aus den letzten Jahren kennen, wie Rauchverbote an bestimmten Orten und für Jugendliche, massive Werbeeinschränkungen und staatliche Antirauch-Propaganda, wurden bereits damals eingeführt. Ganz so weit wie heute hatte es die gesundheitsfaschistische Diktatur in ihren paar Jahren aber nicht geschafft. Gängelungen wie die EU-Tabakproduktrichtlinien, so weitgehende Rauchverbote und so turmhohe Knebelsteuern wie mittlerweile hätten sich die Herren Hitler und Himmler damals höchstens feucht erträumt.

Manche Tabakwaren aus ihrer Zeit haben alle Irrungen und Wirrungen überstanden und werden heute zum Kauf angeboten, z.B. auf Plattformen wie Ebay. Nicht zum Rauchen, sondern als Dekorationsartikel bzw. Sammlerstücke. Ein Händler etwa bietet allerlei Zigaretten und Zigarren von um 1940 an, darunter ungeöffnete Schachteln Overstolz oder R6. Originalpreis: Ein paar Reichspfennig.

Grundsätzlich rät auch das Netzwerk Rauchen vom verspäteten Konsum ab, allerdings machen einige unserer Mitglieder eine Ausnahme bei einem etwas speziellen Produkt: Bei der „Sondermischung Typ 4 Pfg“, bei einem Händler in größerer Stückzahl erhältlich, handelt es sich um ein zeithistorisches Kuriosum: Eine deutschsprachige Schachtel mit einem Aufdruck der französischen Armee, der mit einer Steuerbanderole des Dritten Reichs überklebt wurde – inklusive Hakenkreuz, welches seinerzeit wiederum überdruckt wurde, aber noch erkennbar ist. Womöglich hat das mit den unmittelbaren Nachkriegswirren zu tun, wo solche Zigaretten unter den Alliierten noch eine Zeitlang im Verkehr geblieben waren.

Kriegsware Typ "4 Pfennig"
Kriegsware Typ „4 Pfennig“

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Gehe in Frieden, Salem Aleikum

Genau wie die Produktion der Juno hat Hersteller Reemtsma im vergangenen Jahr die der Marke Salem No. 6 eingestellt. Im vergangenen Jahr hatte die Hamburger Firma (gehört zum britischen Konzern Imperial Tobacco) mitgeteilt, beide genannten Marken sowie Eckstein No. 5 in Reval aufgehen lassen.

Dies bedeutet einen Markentod nach rund 130 Jahren. 1886 hatte die Zigarettenfirma Yenidze in Deutschlands damaliger Tabakhauptstadt Dresden mit der Produktion von Orientzigaretten begonnen. Zur Markenfamilie Salem Aleikum Cigaretten – mit Grundstoff aus dem Osmanischen Reich und Bezug aufs arabische „Friede sei mit euch“ – gehörte die filterlose Salem No. 6. Yenidze wurde 1925 von Reemtsma übernommen, zwischenzeitlich war eine „Tabakmoschee“ gleichen Namens erbaut worden, die Netzwerk Rauchen zur Prüfung als Weltkulturerbe vorgeschlagen hat. Das Verschwinden der Marke kommt zur Unzeit, angesichts der vielen (rauchenden) Flüchtlinge aus dem arabischen Raum…

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Aus gutem Grund war Juno rund

Es geht Spruch von Mund zu Mund / Der tut es allen Raucher kund / Aus gutem Grund ist Juno rund“, hieß es im Werbesong für die gleichnamige Zigarettenmarke. Vor 65 Jahren war das, es gab Schellack-Schallplatten, noch kein Werbeverbot für Tabakwaren im Radio, den antirauchenden Nationalsozialismus hatte man hinter sich gelassen und machte man sich auf in die Wirtschaftswunderzeit, als Wohlstand, Wirtschaftswachstum und Konsum noch etwas galten.

Ganz anders heute. Die Marke Juno hat Hersteller Reemtsma (gehört zum britischen Konzern Imperial Tobacco) jüngst eingestellt, wie bereits berichtet. Durch die EU-Tabakproduktrichtlinie (TPD 2) im Besonderen und die zunehmende Raucherbekämpfung im Allgemeinen nimmt das Markensterben immer größere Ausmaße an.

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